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Man weiß, dass man gelebt hat

Die Zeit heilt alle Wunder
Schon nach wenigen Jahren
Nur noch Narben da wo Wunder waren

Aber Narben heilen nie.
Ist das gut oder schlecht?
Lea hat Narben. Eine unter ihrem Kinn, ein feiner weißer Strich. Man sieht ihn nur, wenn sie ihren Kopf leicht nach hinten legt und man genau hinschaut. Sie wurde dort genäht, im Krankenhaus, mit drei Stichen. Die Ärzte haben ihr vorher nicht gesagt, was sie machen, und haben ihr ein Tuch über den Kopf gelegt. Aber sie konnte darunter herschauen. Erst hat sie sich erschrocken, aber dann lag sei ganz still da. Sie war tapfer, haben die Ärzte hinterher gesagt, und sie hat eine Tapferkeitsurkunde bekommen. Darauf war sie besonders stolz. Damals war sie acht Jahre alt. Das ist lange her. Heute ist Lea 17 Jahre alt. Die dünne helle Linie an ihrem Kinn stört sie nicht mehr. Sie hat sie akzeptiert und denkt so gut wie nie daran. Die Narbe gehört zu ihr, macht sie noch mehr einzigartig als sie sowieso schon ist. Aber nicht nur äußere Narben machen einzigartig – die inneren haben fast einen größeren Teil daran. Auch Lea hat innere Narben. Doch akzeptiert hat sie die Narben nicht. Viel zu oft muss sie daran denken. Wenn es ihr schlecht geht, sogar jeden Tag. Vorm Einschlafen, wenn sie die Augen schließt, sieht sie die spöttischen Gesichter der anderen noch vor sich, möchte sich am liebsten verkriechen. Aber es geht nicht, sie sind einfach da.

Mit langsamen Schritten ging sie auf die anderen Mädchen zu. Wie jede Pause saßen sie im Schulflur auf dem Boden und unterhielten sich, alle vier. Drei von ihnen waren wirklich gut befreundet. Die vierte war eher eine Außenseiterin, mit der niemand etwas zu tun haben wollte. Lea wusste, dass sie anderen oft über sie lästerten. Nett war das nicht, aber was sollte sie schon dagegen tun? Leicht zögernd blieb Lea bei den Mädchen stehen, nahm ihren Rucksack vom Rücken und stellte ihn an. Doch gerade in dem Moment, als sie sich hinsetzen wollte, begann eine der Mädchen zu sprechen: „Lea... geh! Wir wollen dich nicht dabeihaben! Wir sind nicht deine Freundinnen. Geh doch zu irgendwem anders...“ Perplex hielt sie inne. Es dauerte einen Moment, bis sie die Anweisung realisierte, als Bitte konnte man es sicherlich nicht bezeichnen. Hilfesuchend glitt ihr Blick zu der von den drei Mädchen, die ihr am nächsten stand, mit der sie sich sehr gut verstand. Neben ihr saß sie auch in der Klasse. Doch die andere wendete ihren Blick ab, sah zum Boden. Lea schluckte. Ohne ein weiteres Wort bückte sie sich. Sie nahm ihren Rucksack wieder auf den Rücken und entfernte sich. Ihr schossen keine Tränen in die Augen – nicht mehr. Trotzdem spürte sie den Kloß im Hals deutlicher, als sie es gewollt hätte. Also wieder eine Pause, die sie alleine verbringen musste. Dabei hatte sie gerade angefangen zu glauben, dass diese Mädchen sie wenigstens als Klassenkameradin und Gesprächspartnerin akzeptierten. Wieder hatte sie sich geirrt.

Lea war immer tapfer gewesen, auch wenn sie keine Urkunde dafür bekommen hatte. In der Schule hatte sie nie geweint. Das hätte die anderen doch nur noch mehr gefreut. Damals war sie 14 Jahre alt. Angefangen hatte alles mit 12. Es endete mit 15. Und mit der Zeit lernte sie sogar wieder zu weinen, wenn sie traurig war. Sonst hatte sie immer nur geschluckt und war weitergegangen.

„Lea, warte mal!“
Morgens war sie abgefangen worden, am Fahrradständer. Noch vor der Schule hatten sie mit ihr sprechen wollen. Verwundert blieb Lea stehen. Sie konnte sich nicht vorstellen, was ihre Klassenkameradin wollte. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis zwei ihrer Freundinnen dazukamen. Eigentlich hatte Lea nichts mit ihnen zu tun. Aber sie musste zugeben, dass sie sich ab und zu wünschte, dass diese Mädchen ihre Freundinnen waren.
„Was ist denn?“, fragte sie.
Das Mädchen begann zu sprechen: „Wir haben gehört, dass du Scheiße über uns erzählst. Jemand hat uns gesagt, dass du Dinge erzählt hast, zum Beispiel über mich und Lennart, die so nicht stimmen. Das kannst du nur rausbekommen haben, indem du uns belauscht hast. Und das finden wir echt kacke – wie kommst du dazu sowas zu machen?“
Verwundert hielt Lea inne. „Lennart? Was ist denn mit dir und Lennart? Und überhaupt, worum geht es eigentlich? Ich hab euch nicht belauscht!“
„Doch, hast du. Wir haben Zeugen.“
„Und wer soll das bitte gesagt haben?“
„Das sag ich nicht.“
„Aber ich hab euch wirklich nicht belauscht. Sagt mir doch, wer euch das gesagt hat, ich würde das gerne mit demjenigen klären. Ich bin nicht böse oder so, aber trotzdem.“
„Nein, das sag ich nicht. Es ist Tatsache, dass du uns belauscht hast, wir haben Zeugen. Wir wollten dir nur sagen, dass wir das extrem scheiße finden und dass du uns mal in Ruhe lassen sollst. Wie kommst du überhaupt zu sowas?“
„Aber ich hab euch nicht belauscht. Wirklich nicht!“
„Aber wir haben Zeugen.“
„Ja wen denn?“
„Das sag ich nicht.“
„Aber...“ Lea wusste nicht, was sie noch sagen konnte. Sie hatte wirklich niemanden belauscht und was ihre Klassenkameradin mit Lennart zu schaffen hatte, wusste sie nicht. Doch solange die Mädchen ihr nicht sagten, wer ihnen das erzählt hatte, konnte sie nichts tun.
„Wir wollten dir nur sagen, dass wir dich einfach nur scheiße finden und dass du das ja lassen sollst. Weil sonst...“
Und mit diesen Worten drehten die drei sich um und gingen aufs Schulgebäude zu. Lea schluckte. Freundinnen würden sie sicherlich nie mehr werden können.

Die Zeit heilt und alle wundern sich nach all den Jahr‘n
das nichts bleibt als ein paar Stunden
und Narben da wo Wunder war‘n

Narben heilen nie. Sie bleiben dir erhalten, ein Leben lang. Deshalb musst du lernen mit ihnen zu leben, wenn du nicht daran zerbrechen willst. Narben gehören zum Leben dazu. Sie prägen dich und dein Verhalten. Wenn du ein Mal über einen Stein gestolpert bist, dir weh getan hast und dir eine kleine Narbe zurück bleibt, dann passt du die nächsten zehn Schritte besonders gut auf, dass dir nicht wieder ein Stein im Weg liegt. Du bist misstrauisch und wenn eine Kurve kommt, wirst du viel langsamer und beobachtest genau deinen Weg, damit du nicht stolpern kannst. Und wenn du an eine Abzweigung kommst, dann wählst du vielleicht erst den rechten Weg, aber wenn du nach kurzer Zeit auf einen Stein stößt drehst du lieber wieder um und nimmst den linken – schließlich willst du kein Risiko eingehen, du willst nicht noch eine Narbe davontragen. Irgendwann bist du nicht mehr so achtsam, langsam vergisst du den Stein und die Narbe. Aber selbst wenn nach tausend Schritten nur der kleinste Kiesel vor die auftaucht erinnerst du dich wieder an den Stein von vor tausend Schritten und du bist vorsichtig, denn auch ein kleiner Kiesel kann zum Stolperstein werden.
Deine Narben begleiten dich ein Leben lang. Du kannst nichts dagegen tun, nur hoffen, dass nicht jemand kommt und dich an derselben Stelle noch einmal verletzt.
„Narben heilen nie. Aber so weiß man wenigstens, dass man gelebt hat.“
23. Februar 2008

Zitat einer ZDF-Abendsendung
Auszug aus "Zeit heilt alle Wunder" (Wir Sind Helden)

 

 

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